MAN Truck & Bus

E-INVESTITIONEN SICHERN UNSER ZUKUNFTSFÄHIGES
PRODUKTPORTFOLIO

Dr. Frederik Zohm, Vorstand für Forschung und Entwicklung, erklärt im Zug der IAA Transportation 2022, warum MAN jetzt in Elektromobilität investieren muss und wie die nächsten Schritte aussehen. 

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Herr Dr. Zohm, in den nächsten Jahren fließen Milliarden in die Elektrifizierung der Fahrzeuge – sowohl bei MAN als auch im Konzernverbund. Kann sich das Unternehmen das überhaupt angesichts der angespannten finanziellen Situation leisten?

DR. FREDERIK ZOHM Wir müssen! Auch wenn wir vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs und der damit einhergehenden Energiekrise aktuell wieder über die Inbetriebnahme zusätzlicher Kohlekraftwerke diskutieren, bleibt der Kampf gegen den Klimawandel das wichtigste Ziel für die Menschheit. Selbstverständlich werden wir uns an diesem Kampf mit aller Kraft beteiligen und auf klimaneutrale Antriebsformen umstellen. Dazu haben wir eine ökologische und auch ökonomische Verpflichtung. Investitionen in die E-Mobilität sichern unser zukunftsfähiges Produktportfolio. Der CO2-Preis wird über die Jahre kontinuierlich steigen, insbesondere wenn in der zweiten Hälfte der Dekade der Handel mit Emissionsrechten auch auf den Verkehrssektor ausgedehnt wird. Zudem werden die Flottenziele für den Ausstoß unserer Fahrzeuge immer ambitionierter. Dieser ist im Übrigen in etwa so groß wie der der Niederlande.

Wie will MAN dem begegnen und den Ausstoß der Flotte reduzieren?

DR. FREDERIK ZOHM Wir setzen in unserer gesamten Produktpalette zunächst auf die Elektrifizierung und später ab der zweiten Hälfte der Dekade auch bei bestimmten Anwendungen auf das Thema Wasserstoff. In der E-Mobilität verfügen wir schon jetzt über große Expertise. Ich würde sogar sagen, wir gehören in Europa zu den Herstellern, die hier mit am weitesten sind. Wir haben bereits gut 2000 eTGE verkauft - rund 1000 Lion's City E wurden bestellt. Das Bus- und Van-Segment ist hier klarer Vorreiter. Auch unsere elektrischen Verteiler-Lkw eTGM haben bereits über 1,5 Millionen Kilometer bei Kunden zurückgelegt. Auf diesen Erfahrungen können wir nun aufsetzen.

Jetzt steht der neue eTruck als Serienprodukt in den Startlöchern!

DR. FREDERIK ZOHM Ja. Auf der IAA zeigen wir ihn erstmals einer breiteren Öffentlichkeit, nachdem wir ihn im März in Nürnberg vorgestellt und im Frühjahr in Berlin erstmals öffentlich gefahren haben. In unserem eMobility Center sind die ersten 20 Prototypen gefertigt worden. Unser Werk in München bereiten wir nun für die Mischproduktion auf einem Band vor, damit wir auf die Nachfrage unserer Kunden möglichst flexibel begegnen können. 2024 starten wir mit der Serienproduktion dieses neuen tollen E-Fahrzeugs. Zunächst vermutlich noch in etwas kleinerer Stückzahl, aber mit der Möglichkeit schnell hoch zu skalieren. Entscheidend wird vor allem sein, wann es sich für unsere Kunden lohnt den Diesel-Antrieb in ihrer gesamten Flotte durch die E-Mobilität zu ersetzen.

Vor welchen Herausforderungen stehen dabei die Ingenieure?

DR. FREDERIK ZOHM Auch bei E-Fahrzeugen muss unser Fokus auf möglichst geringen Gesamtbetriebskosten (Total Cost of Ownership) liegen. Dafür gibt es auf Seiten des Fahrzeugs extrem viele Stellhebel. Der wichtigste liegt sicher in einem effizienten Energiemanagement. Reichweite, Haltbarkeit und Ladefähigkeit der Batterien sind weitere wichtige Themen, ebenso wie man mit dem höheren Gewicht der E-Fahrzeuge umgeht, das durch den im Vergleich zum Dieseltank schwereren Energiespeicher entsteht. Das hat nicht nur Einfluss auf Fahr- und Bremsverhalten, sondern bestimmt auch die Menge an Nutzlast und damit die Profitabilität des Fahrzeugs für seinen Betreiber. Unsere Kunden erwarten insgesamt die gleiche Verlässlichkeit bei eTrucks wie bei Diesel-Lkw.

Was zahlt auf dieses Ziel bei der E-Mobilität noch ein – was sind die großen Themen?

DR. FREDERIK ZOHM Wichtige Zukunftstechnologien sind beispielweise das Megawattcharging, also Hochvoltladen mit einer Leistung von einem Megawatt oder mehr. Der MCS-Standard (Megawatt Charging System) wird voraussichtlich 2025 etabliert sein. Die Fahrer haben nur enge Zeitfenster – zum Beispiel während der Ruhezeit – um ihren Lkw zu laden. Darüber hinaus benötigen wir ein modulares Batteriekonzept sowie intelligente Reichweitenoptimierung, um die Fahrzeuge optimal an den Kundenbedürfnissen ausrichten und sie im Einsatz weiter verbessern zu können.

Darauf zielt der modulare Baukasten der TRATON Gruppe ab…

DR. FREDERIK ZOHM Über alle Marken hinweg stellt sich uns die Aufgabe, möglichst schnell die Reichweiten der E-Fahrzeuge zu erhöhen und den Energieverbrauch zu reduzieren. Mit unserem neuen eTruck werden wir zunächst Tagesreichweiten von 600 bis 800 Kilometern schaffen. Mit der dann folgenden nächsten Batteriegeneration werden das schon über 1000 Kilometer sein. Die Weiterentwicklung wird eine deutlich spürbare bessere Energiedichte bringen, was für unsere Kunden neben zusätzlicher Reichweite auch zu einer Gewichtseinsparung führen kann. Auch weitere Hochvolt-Komponenten wie den E-Motor oder die eAUX-Projekte wie Hochvolt-Heizung oder -Luftpresser werden gemeinsam entwickelt. Innerhalb der neuen Industrial Operations Organisation (IO) werden wir die Synergien im Konzern nutzen – mit einem einheitlichen Modulbaukasten für Trucks und Busse.

Durch den Modulbaukasten entwickelt MAN im Konzernverbund neue Technologien. Was muss noch passieren, damit sich die E-Mobilität durchsetzt?

DR. FREDERIK ZOHM Die größte Herausforderung ist der Aufbau der Ladeinfrastruktur. Berechnungen der ACEA haben ergeben, dass bis 2030 rund 42.000 Ladepunkte entlang der europäischen Autobahnen erforderlich werden, um den Bedarf zu decken. Um diese erforderliche Dichte an Ladepunkten zu erreichen, braucht es massive Anstrengungen aller Beteiligten. Mit dem Hochleistungslade-Joint Venture von TRATON sind wir Teil der Lösung. Außerdem prüfen wir auch die Errichtung eigener MAN Ladepunkte.

Spielen neue Dienstleistungen rund um die Elektro-Fahrzeuge in Ihrem Fachbereich eigentlich auch eine Rolle?

DR. FREDERIK ZOHM Ja, eine zunehmend größere. Was wir benötigen , um unseren Kunden zukünftig State-of-the-art Zusatzdienste wie eine intelligente E-Routenplanung oder andere anzubieten zu können, ist neben der Hardware vor allem intelligente Software. Diese zu entwickeln und die vielen neuen Parameter in einem Elektrofahrzeug zu interpretieren wird von entscheidender Bedeutung sein – auch für uns selbst, um zum Beispiel den Zustand einer Batterie nach einer gewissen Nutzungszeit bewerten zu können – Stichwort Battery Analytics. Auf Kundenseite benötigen wir diese Daten, um maßgeschneiderte Lösungen im Rahmen von MAN Transport Solutions anbieten zu können.

Können Sie Beispiele geben, wie diese Messwerte genutzt werden sollen?

DR. FREDERIK ZOHM Da geht es zunächst mal um das Thema Reichweite – deren Ermittlung und Prognose. Dafür wird auch der sogenannte Traktionsverbrauch ermittelt. Aber auch Live-Berechnungen während des Nachlade-Vorgangs sind für unsere Kunden sehr interessant, zum Beispiel in Kilometer pro Nachlademinute. Je aktiver und transparenter wir die technischen Möglichkeiten in Richtung Kunden kommunizieren, desto besser können wir unsere Wettbewerbsfähigkeit demonstrieren.

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