MAN Truck & Bus

Portrait von Stefan Sahlmann, Leiter des Bereichs MAN Transport Solutions

Transport-Lösungen
müssen individuell sein

Grüne Mobilität profitabel machen: Stefan Sahlmann und sein Team von MAN Transport Solutions entwickeln Lösungen, mit denen Transport- und Verkehrsunternehmen ihre Flotte ökologisch und wirtschaftlich zukunftsfähig aufstellen. Im Interview erklärt der Experte für E-Mobilität, warum es bei der Verkehrswende um weit mehr geht als um saubere Trucks und Busse.

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Stefan Sahlmann

leitet den Bereich MAN Transport Solutions. Sein Team steht Kunden beim Einstieg in die Elektromobilität mit qualifizierter Expertise und maßgeschneiderten Lösungen zur Seite.

Herr Sahlmann, wie weit sind Transport- und Verkehrsunternehmen in Europa beim Umstieg auf klimaneutrale Flotten?

SAHLMANN Es gibt kaum noch Unternehmen, die sich nicht mit E-Mobilität und alternativen Antrieben beschäftigen. Dabei gibt es allerdings unterschiedliche Reifegerade. Viele Kunden haben bereits Erfahrungen beim Einsatz von E-Bussen und E-Trucks gesammelt. Sie verfügen über gute Fachkenntnisse und sprechen mit unseren Experten von MAN Transport Solutions auf Augenhöhe. Bei anderen herrschen noch Unsicherheit und Unerfahrenheit. Das hängt auch damit zusammen, dass E-Mobilität derzeit aufgrund der beschränkten Reichweite der Batterien nicht für alle Anwendungen geeignet ist.

In welchen Einsatzgebieten sind die Erfahrungen mit elektrisch angetriebenen Trucks und Bussen am besten?

SAHLMANN Dort, wo die Strecken relativ kurz und die Routen gut planbar sind. Das gilt für den Stadtbusbereich und ebenso für den städtischen Verteilerverkehr mit Lkw und Vans. Unsere Prognose ist, dass die Elektrifizierung der Nutzfahrzeuge für den Stadtverkehr schon bis Mitte der 2020er-Jahre einen Grad von 50 Prozent erreichen kann. Deutlich schwieriger ist es auf der langen Strecke ab 400 Kilometern pro Tag aufwärts. Sowohl für Lkw im Fernverkehr als auch für Reisebusse mangelt es an einer öffentlichen Ladeinfrastruktur in Europa. Außerdem reicht die Energiedichte der Batterien eventuell noch nicht aus für schwierige Topografien und Klimazonen, in denen besonders viel Energie für die Motorleistung und die Klimatisierung des Innenraums erforderlich ist.

Bis 2030 soll der CO2-Ausstoß von neuen Lastwagen um 30 Prozent sinken. 65 Prozent der Busse sollen dann emissionsarm fahren. Bis 2050 will die Europäische Union auf allen technologischen Gebieten klimaneutral sein – auch im Straßenverkehr. Wie realistisch sind nach Ihrer Schätzung diese klimapolitischen Ziele?

SAHLMANN Sie sind erreichbar durch gemeinsame Anstrengungen der Fahrzeughersteller, der Transport- und Verkehrsunternehmen, der Energieversorger sowie der Anbieter von Antriebstechnologien und Ladeinfrastrukturen. Wir bei MAN unterstützen das Ziel, den Klimawandel zu stoppen und alle Lebensbereiche zu dekarbonisieren.

Welche Ziele verfolgen die Kunden von MAN beim Umbau ihrer Flotten? Inwieweit geht es um Klimaschutz, inwieweit um Wirtschaftlichkeit und Effizienz?

SAHLMANN Die Verantwortung für die Umwelt spielt eine sehr große Rolle. Die Schweizerische Post beispielsweise will schon in diesem Jahr ihren CO2-Ausstoß um 25 Prozent reduzieren, um die Nachhaltigkeitsziele der EU möglichst schon vor 2030 zu erreichen. Allerdings müssen die Transport- und Verkehrsunternehmen bei der Verkehrswende auch ihre wirtschaftlichen Erfordernisse im Auge behalten. Wer jetzt auf E-Mobilität umsteigt, steht auch in Konkurrenz mit Wettbewerbern, die noch mit Diesel- und Erdgasfahrzeugen unterwegs sind. Deswegen muss sich die Total Cost of Ownership (TCO) der Elektronutzfahrzeuge an der von Verbrennern messen lassen.

Bei den Anschaffungskosten sind Elektrobusse und Elektrotrucks deutlich teurer. Wie gelingt es, die TCO so zu reduzieren, dass E-Mobilität wirtschaftlich konkurrenzfähig ist?

SAHLMANN Indem maßgeschneiderte Lösungen geschaffen werden, die die gesamte Logistik und Infrastruktur der Flotte effizienter machen. Genau solche Lösungen entwickelt MAN Transport Solutions mit den Kunden. Wir erarbeiten einen detaillierten Plan, um schrittweise in die E-Mobilität einzusteigen. Er betrifft die Anschaffung von Elektrofahrzeugen, Finanzierungsmodelle, Versicherungen, fachgerechte Wartung und Reparatur, die Routenplanung, den Aufbau der Ladeinfrastruktur, das Lademanagement und die Energieversorgung. Der Umstieg zur E-Mobilität ist ein komplexer Prozess, den wir im Sinne von Simplifying Business für unsere Kunden vereinfachen. Deshalb liefern wir ihnen neben dem technologischen Knowhow auch eine verlässliche Kosteneinschätzung und Investitionsplanung, die genau auf den Einzelfall abgestimmt ist. In 28 Ländern können die Kunden von uns auch maßgeschneiderte Ladelösungen aus einer Hand erhalten.

Inwieweit macht die Digitalisierung den Umstieg zur E-Mobilität einfacher?

SAHLMANN Datenanalysen sind der Schlüssel, um eine Flotte effizient aufzustellen. Die Experten von MAN Transport Solutions analysieren, inwieweit die Flottenperformance des Kunden im Branchendurchschnitt liegt und welche Potenziale es gibt, um die Einsatzstrategie und die Betriebskosten zu optimieren. Digitale Dienste wie MAN Essentials, MAN Perform und MAN Maintenance helfen dabei, das Fahrzeugmanagement zu vereinfachen und die TCO im Griff zu haben. In Zukunft werden auch neue digitale Finanzierungs- und Geschäftsmodelle entstehen – etwa Pay-per-Use für Trucks, Sie ermöglichen mehr Flexibilität bei der Nutzung der Fahrzeuge. Das spart Kosten.

Stichwort Kosten: Wie schnell amortisieren sich die höheren Anschaffungskosten von Elektronutzfahrzeugen?

SAHLMANN Das hängt vom Einsatz der Fahrzeuge ab und von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In Ländern, in denen die Stromkosten niedrig liegen und Elektronutzfahrzeuge steuerlich und bei der Maut begünstigt sind, wird der Breakeven für die E-Mobilität schneller erreicht. Grundsätzlich rechnen wir damit, dass sich die Anschaffungskosten von Elektrovans nach etwa drei bis vier Jahren amortisieren. Bei Stadtbussen, die in der Regel über einen längeren Zeitraum genutzt werden, sind es zehn bis zwölf Jahre, bei Elektro-Lkw im Verteilerverkehr rund sechs Jahre. Besonders günstig ist die TCO von E-Bussen und E-Trucks im Vergleich zu Verbrennern in Ländern mit niedrigen Strompreisen und hohen Dieselpreisen.

Für welche Unternehmen ist es sinnvoll, gemischte Flotten mit unterschiedlichen Antrieben zu unterhalten?

SAHLMANN Wir raten in der Regel dazu, schrittweise auf E-Mobilität umzustellen. Dieser Prozess kann für Unternehmen, die von einer reinen Dieselflotte kommen, etwa acht bis zehn Jahre dauern. In diesem Zeitraum ergibt sich automatisch ein Flottenmix. Langfristig ist es aber wirtschaftlich sinnvoller und logistisch einfacher, auf eine einzige Technologie zu setzen. Denn gemischte Flotten bedeuten erheblich mehr Komplexität für die gesamte Infrastruktur und die Mitarbeiter. Die langfristig umweltfreundlichste, einfachste und effizienteste Antriebsform wird für etwa 95 Prozent der Transport- und Verkehrsunternehmen die E-Mobilität sein.

Welche Rolle spielt der Dieselmotor als Übergangstechnologie?

SAHLMANN Für den Fernverkehr mit Trucks und Reisebussen wird der Dieselantrieb voraussichtlich je nach den Gegebenheiten in den Ländern noch 20 bis 25 Jahre relevant sein. Im Hinblick auf den Klimaschutz ist für Unternehmen im Long Haul die Verjüngung ihrer Dieselflotte der nächste logische Schritt. Die neue MAN Truck Generation verbraucht rund 8 Prozent weniger Kraftstoff als die bisherige Generation – mit entsprechend weniger Emissionen. Erst im zweiten Schritt bietet sich dann auch im Fernverkehr der Umstieg auf die E-Mobilität an – sobald die Reichweite der Batterien und die öffentliche Ladeinfrastruktur dies zulassen.

Wie lange ist die Vorlaufzeit, bis ein Unternehmen die ersten Elektronutzfahrzeuge einsetzen kann?

SAHLMANN 18 Monate Vorbereitungs- und Planungszeit müssen Sie mindestens einkalkulieren. Drei Jahre Vorbereitung und Umsetzung ist bei einer mittelgroß geplanten Flotte ein realistischer Wert.

Interview   Felix Enzian
Fotos   Andreas Hantschke

#Elektromobilität#Digitalisierung#AlternativeAntriebe

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