MAN Truck & Bus

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Weihnachtsstress auf deutschen Straßen

 

Das Fest der Liebe, der Stille und der Besinnlichkeit ist eigentlich eine Gelegenheit zum Abschalten. Aber leider nicht für alle Menschen: In der Logistikbranche sorgt die anrollende Geschenkeflut für maximalen Stress. Der zunehmende Fahrermangel verschärft das Problem noch.

Sie ist die drittgrößte Branche in Deutschland, nach der Autoindustrie und dem Handel: die Logistik. 3,2 Millionen Beschäftigte in rund 70.000 meist mittelständischen Unternehmen halten das Land durch logistische Dienstleistungen am Laufen. Und das vor allem auf der Straße: Circa 3,3 Millionen Lkws waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2020 unterwegs, meist auf den Autobahnen. Dabei kamen 498,6 Milliarden Tonnenkilometer zusammen – fast drei Viertel des deutschen Gütertransportvolumens aller Verkehrsmittel im ganzen Jahr. Und in den Wochen vor Weihnachten ist traditionell besonders viel los.

Das liegt vor allem am Online-Boom: Allein rund 445 Millionen Kurier-, Express- und Paketsendungen (KEP) an private Haushalte erwartet der Bundesverband Paket und Expresslogistik in diesem Jahr zu Weihnachten – noch einmal drei Prozent mehr als 2020 mit den Corona-bedingten Geschäftsschließungen. 30.000 zusätzliche Arbeitskräfte und 25.000 weitere Fahrzeuge auf den Straßen werden benötigt, um die verstärkte Nachfrage vor Weihnachten zu bewältigen.

Schwieriges Umfeld für die Logistiker

 

Einfach ist das nicht – zumal das aktuelle Umfeld den Unternehmen das Leben zusätzlich schwer macht. Davon kann Georg Dettendorfer, Geschäftsführer der Spedition Dettendorfer aus Nußdorf am Inn (Bayern), ein Lied singen. Er kennt die Branche – und ihre aktuellen Probleme: Staus an den Grenzen, Lieferengpässe sowie die Kostensteigerungen bei Kraft- und Betriebsstoffen machen auch seinem Unternehmen zu schaffen.

Ganz zu schweigen von Corona: Am Firmenstandort im Landkreis Rosenheim wütet die Pandemie Anfang Dezember 2021 mit einem der höchsten Inzidenzwerte Deutschlands. „Wir spüren Personalengpässe durch Quarantäne oder Krankheit. Lkw können wegen fehlender 3G-Zertifikate nicht be- und entladen werden, Fahrer dürfen die Betriebstoiletten nicht aufsuchen“, so Dettendorfer, der auch Präsidiumsmitglied der IHK München ist.

Ein schneebedeckter Parkplatz mit vielen Trucks
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Missverhältnis Fahrzeuge gibt es genug, um die Weihnachtspakete auszuliefern. Es fehlt jedoch massiv an Fahrern, viele Lkw müssen stehen bleiben.

Georg Dettendorfer schaut freundlich in die Kamera.
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Schwierige Zeiten für Logistiker Georg Dettendorfer, Geschäftsführer Spedition Dettendorfer, klagt über Lieferengpässe und Kostensteigerungen bei Kraft- und Betriebsstoffen

Fast 200.000 fehlende Lkw-Fahrer bis 2030

 

Das größte Problem der Logistikbranche sind aber die fehlenden Lkw-Fahrer – im Fern- wie im Regionalverkehr. „Der Fahrermangel ist gravierend und wird durch Corona weiter befeuert. Im Gewerbe bleiben dadurch Lkw unbesetzt, Touren fallen aus“, erklärt Geschäftsführer Dettendorfer. Bei DB Schenker erkennt man ebenfalls „eine zunehmende Herausforderung bei der Personalgewinnung von gewerblichen Mitarbeitern, insbesondere von Lkw-Fahrerinnen und -Fahrern“. Dank zusätzlicher eigener Kapazitäten an Fahrern sei man allerdings aktuell gut aufgestellt und könne der Kundschaft Transportsicherheit bieten.

„DER FAHRERMANGEL IST GRAVIEREND UND WIRD DURCH CORONA WEITER BEFEUERT. IM GEWERBE BLEIBEN DADURCH LKW UNBESETZT, TOUREN FALLEN AUS.“

Georg Dettendorfer
Geschäftsführer der Spedition Dettendorfer

Dennoch: 60.000 bis 80.000 Truckpiloten und -pilotinnen werden jetzt schon in Deutschland gesucht – Tendenz steigend. Bis Ende des Jahrzehnts dürften es sogar mehr als 185.000 werden, fand eine Studie des Bundesverkehrsministeriums heraus. „Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, könnte in zwei bis drei Jahren ein Versorgungskollaps zu erwarten sein“, warnt Guido Borning, Geschäftsführer des Dachverbandes der rheinland-pfälzischen Mobilitäts- und Logistikbranche. „Die Branche ist systemrelevant.“

Auch nach Angaben des Bundesverbandes Wirtschaft, Verkehr und Logistik (BWVL) ist die Situation im Fahrerhaus extrem angespannt: „Jährlich gehen etwa 67.000 qualifizierte Lkw-Fahrer in Rente, nur etwa 25.000 kommen nach“, sagt BWVL-Hauptgeschäftsführer Markus Olligschläger. Etwa 1,5 Millionen Fahrerkarten seien beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) verzeichnet, rund zwei Drittel der Inhaber sei 45 Jahre oder älter. Der Renteneintritt, so Olligschläger, erfolge meist schon mit 60 Jahren. „Das ist ein körperlich anstrengender Beruf, dem die Leute Tribut zollen müssen.“

Markus Olligschläger schaut freundlich in die Kamera.
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Neue Fachkräfte braucht das Land Markus Olligschläger, BWVL-Hauptgeschäftsführer, will die Qualifizierung für Fahrer modernisieren und Bürokratie abbauen, um dem Fachkräftemangel entgegenwirken

Überlebenswichtig für die Gesellschaft

 

Die Gründe für den Lkw-Fahrermangel sind vielfältig: Lohndruck – insbesondere durch die osteuropäische Konkurrenz –, viele Staus, unregelmäßige Arbeitszeiten, schwierige Jobbedingungen und hohe Kosten für den Lkw-Führerschein, der seit Wegfall der Wehrpflicht nicht mehr gratis bei der Bundeswehr gemacht werden kann.

Vor allem aber leiden die Lastkraftwagenlenker unter einem schlechten Image als Stauverursacher und Linke-Spur-Blockierer. Dabei seien sie überlebenswichtig für die Gesellschaft, so Olligschläger: „Das ist wie beim Blutkreislauf. Man erwartet, dass er funktioniert, und erst wenn man Beschwerden hat, erkennt man seine Wichtigkeit.“ Das sogenannte Truckerimage ist für ihn längst passé: „Abenteuerromantik, das war einmal. Ein Lkw-Fahrerhaus ist heutzutage ein moderner Arbeitsraum mit viel Verantwortung.“

„JÄHRLICH GEHEN ETWA 67.000 QUALIFIZIERTE LKW-FAHRER IN RENTE, NUR ETWA 25.000 KOMMEN NACH.“

Markus Olligschläger
BWVL-Geschäftsführer

Damit der „Blutkreislauf“ nicht irgendwann – wie zuletzt zeitweise in Großbritannien – zusammenbricht, ergreifen viele Unternehmen längst Gegenmaßnahmen. Auch Spediteur Dettendorfer: „Lohnanpassung bei den Kraftfahrern, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, klügere Schichtarbeiten und mehr Ruhepausen bei der Familie im Nah- und Regionalverkehr – damit versuchen wir Fahrernachwuchs zu gewinnen.“

Fünf-Punkte-Plan für eine sichere Güterversorgung

 

Bereits 2018 erarbeitete eine Verbändeinitiative unter Beteiligung des BWVL für die damalige Bundesregierung einen „Fünf-Punkte-Plan gegen Logistikengpässe und Fahrermangel im Straßengüterverkehr“. Darin enthaltene Vorschläge: Erhöhung der Attraktivität des Fahrerberufs – auch für Frauen – durch höhere Gehälter und innovative Arbeitszeitmodelle; verbesserte Ausbildung und Qualifizierung; bessere Straßen und mehr Parkplätze; Unterstützung bei der Gewinnung von Nachwuchs und eine umfassende Digitalisierung. 2019 gründeten mehrere Branchenvertreter den Verein Pro-Fahrer-Image (PROFI), um die Wertschätzung des Berufstandes zu steigern. Eine Initiative, die auch MAN neben weiteren hochkarätigen Mitstreitern als Partner unterstützt.

Die Anregungen des BWVL können laut Olligschläger eins zu eins an die neue Ampelkoalition weitergereicht werden. Bei dieser steht das Thema Güterverkehr bereits auf der Agenda. So heißt es im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP: „Sichere Lkw-Stellflächen an und um Autobahnen werden wir ausbauen und telematisch optimieren. Wir werden dem Fachkräftemangel entgegenwirken, Qualifizierung modernisieren und Bürokratie abbauen.“ Damit die Güterversorgung in Deutschland auch weiterhin gesichert ist – und der Weihnachtsstress in den Truck-Kabinen bald ein bisschen kleiner wird.

Text   Christian Jeß
Fotos   iStock/picture alliance

#Lkw#Logistik
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